Die Kirche

 

1904 wurde der Bau einer Kapelle für die Lungenheilstätte Albrechtshaus beschlossen. Beauftragt wurde die Firma W. Witte in Osterwieck, die Malerarbeiten wurden vom Malermeister H. Langenstraß ausgeführt. Die Fenster entwarf und lieferte die Firma Schneemelcher aus Quedlinburg. Die Kosten für die Kirche beliefen sich auf 14.000 Goldmark.

Die feierliche Weihe fand am 20. 05. 1905 statt. In den "Braunschweiger Neuesten Nachrichten" wurde darüber folgendermaßen berichtet:

 

"Unter dem Klange der Kapellenglocke und der Musik des Hasselfelder Posaunenchors fuhr Se. Königl. Hoheit, Prinz Albrecht von Preußen, Regent des Herzogtums Braunschweig, auf dem Albrechtshause vor und wurde an der Pforte desselben von dem Herrn Wirkl. Geheim. Rat Hartwieg-Braunschweig und dem Vorstande der Landesversicherungsanstalt Braunschweig Herrn Finanzrat Hassel-Braunschweig empfangen....Hiernach begab sich Se. Königl. Hoheit zur neuen Kapelle, erkundigte sich nach dem Baumeister, teilte mit, dass er in Norwegen eine ähnliche Kapelle gefunden habe und ließ sich von Herrn Finanzrat Hassel berichten, daß es nur nur zwei derartige "Nordische Stabkirchen" in Deutschland gäbe....

Darnach übergab der Erbauer der Kirche, Zimmermeister Witte, Osterwieck/Harz, dem Finanzrat Hassel den Schlüssel zur Kapelle mit den Worten Ps. 127, 1: "Wo der Herr nicht das Haus bauet, bauen umsonst, die daran bauen"…"

 

Die Kirche wurde im Drachenstil errichtet.

"Bauwerke im norwegischen Drachenstil zeichnen sich in der Regel durch horizontal aufeinanderliegende massive Baumstämme aus, die auf einem Naturstein- oder Bruchsteinsockel ruhen. Meist sind sie dunkelbraun gebeizt. ... Am markantesten sind indes die dekorativen Verzierungen an den Giebelseiten und Dachabschlüssen der Gebäude sowie die Tür- und Fensterverkleidungen. Hier schmücken oft Drachenköpfe oder ineinander verschlungene Drachenkörper die Bauwerke. Sie sollen die bösen Geister abschrecken und das in ihrem Schoß befindliche Gebäude vor Unheil schützen."(Raimund Wolfert, Duplikate im Drachenstil).

 

Durch verschiedene Gestaltungselemente wird der Anschein erweckt, dass es sich vom Baustil her um eine Stabkirche handelt. Ein wichtiges Merkmal einer Stabkirche, die aufrecht stehenden Stabplanken, fehlt jedoch, so dass man hier eigentlich von einer Holzkirche in Blockbauweise, einer Stabkirche nachempfunden, sprechen muss. Den Begriff "Stabkirche" verwenden wir im Zusammenhang mit der Kirche als Eigennamen. Die Stabkirche Stiege ist der einzige erhaltene Sakralbau in dieser Bauweise. Sie ist 23 m lang, 11 m breit und  9 m (+ Glockenturm) hoch.

Das Dach war anfangs mit Falzziegeln eingedeckt, welche später ersetzt wurden. Die Firstkämme sind nordischen Schiffskielen nachempfunden, die ursprünglich teilweise in Drachenköpfen endeten. Während der Instandsetzungsarbeiten bis 1993 wurden die stark verwitterten Drachenköpfe im Rahmen der damaligen Möglichkeiten durch einfachere Motive ersetzt. Der Glockenturm befindet sich in der Mitte des Daches vom Kirchenschiff.

Durch die verschiedenen Anbauten wird ein weiteres Gestaltungselement der Stabkirchen, die mehrfach gestaffelten Pult- und Giebeldächer, realisiert.  An den Längsseiten der Kirche befinden sich jeweils drei große Fenster, bleiverglast mit getönten Scheiben. Der Altarraum ist mit fünf Ornamentfenstern, drei davon mit christlichen Motiven, ausgestattet. Das Pultdach des Eingangs wird von zwei Säulen getragen.

 

Durch die Kirchentür betritt man den Vorraum. Rechts davon befindet sich ein kleiner Abstellraum, zur Linken führt eine Treppe hinauf zur Empore. Es schließt sich das Kirchenschiff an. Der Raum ist 12,50 m lang und 7,50 m breit. Der Altarraum ist in 5-eckiger Form angebaut und 4 x 4 m groß.  Er ist mit einer Kanzel ausgestattet, welche man von der Sakristei über eine Treppe erreichen kann. Es gibt zwei Feuerstellen, deren Abzüge jedoch zurückgebaut wurden. Ein Stilelement der Stabkirche sind die sechs doppelten Drachenköpfe an den schwebenden Holzbalken.

 

Die Inneneinrichtung besteht aus zehn kurzen und fünf langen Kirchenbänken mit insgesamt 150 Sitzplätzen, einem Altar und einem Harmonium, welches jedoch sowohl äußerlich beschädigt, als auch technisch defekt ist. Die beiden großen Deckenleuchter und Wandlampen wurden nachträglich elektrifiziert. Im Zeitraum von 1991 bis 1993 wurde eine Fußbodenheizung eingebaut. Die Holzteile im Innenraum sind dunkel lasiert, außen mit einem Farbabstrich versehen.

Die ursprüngliche Dacheindeckung aus Falzziegeln musste im Laufe der Jahre erneuert werden, vermutlich wurden in diesem Zusammenhang auch die beiden Schornsteine zurückgebaut.

 

Eine umfangreiche Restaurierung erfuhr die Kirche im Rahmen einer AB-Maßnahme in den 1990er Jahren bis 1993. Die gesamten Hölzer innen und aussen wurden geschliffen und neu gestrichen. Kupferdachrinnen und  -fallrohre wurden neu installiert. Die Fenster der Seiten wurden von der Glaswerkstatt Schneemelcher in Quedlinburg neu verbleit und ausgebessert. Die Kirchenornamentfenster im Altarrraum konnten auch von dieser Firma wieder hergestellt, saniert bzw. rekonstruiert werden, da noch Originalzeichnungen vorhanden waren.

Die Fenstergriffe/-beschläge wurden nach altem Muster erneuert. Auf dem Kirchenbodenestrich wurden im Dünnbett Fußbodenheizschleifen aufgebracht und grosse Steinzeugfliesen verlegt.

In diesem Zusammenhang musste die gesamte Elektrik erneuert werden. Die Deckenleuchter wurden elektrifiziert, entsprechende Wandlampen angebracht sowie Lichtschalter und Steckdosen installiert. Die für das kommende Jahr (1994) geplante Anschaffung eines neuen Musikinstrumentes konnte aufgrund der Schließung der Klinik nicht mehr realisiert werden.

 

Die Nutzung der Kirche

 

In der Kirche fanden regelmäßig Gottesdienste statt, an denen die Patienten und Bediensteten des Albrechtshauses teilnahmen. Sie wurde pastoral vom Pfarramt in Stiege betreut und unterstand der Evangelischen Landeskirche Braunschweig. Für Verstorbene fand die Trauerfeier unter der Leitung einer Diakonisse statt. Das Harmonium der Kapelle wurde von dem Stieger Organisten Fritz Brückner, Angestellter der Harzer Eisenbahn, gespielt. Bei seiner eigenen Beerdigung im April 1945 hielt eine Diakonisse des Albrechtshauses ihm zu Ehren die Leichenpredigt.

Nach dem 2. Weltkrieg, unter der Leitung der Klinik durch Dr. Völker, fanden in der Kirche vorrangig katholische Gottesdienste statt.  Alle zwei Wochen kam Pastor Lehnert aus Hasselfelde (Rosenkapelle Hasselfelde) zum Albrechtshaus. An den Gottesdiensten nahmen auch Gemeindemitglieder aus Hasselfelde und Stiege teil.

Das Gelände des Albrechtshauses, zu dem die Kirche gehört, wurde 2003 verkauft. 2005 fand anlässlich des

100. Bestehens der Stabkirche ein Festgottesdienst statt, im selben Jahr auch noch eine Trauung.

 

Nachdem 2009 die Umbauarbeiten am Albrechtshaus zum Erliegen gekommen sind, wurde die Kirche vermehrt  Ziel von Einbrüchen und Vandalismus. 2011 wurden Sicherungsmaßnahmen getroffen, nachdem bereits die komplette Dachrinne und Teile des Blitzableiters gestohlen wurden.  2014 wurde der "Verein zur Umsetzung und Instandsetzung der Stieger Stabkirche" gegründet, 2017 erfolgte die Eintragung ins Vereinsregister. Der Verein führt seitdem den Namen "Stabkirche Stiege e.V.".

Seit 2015 führt der Verein regelmäßige Veranstaltungen an und in der Kirche durch. Während dieser Veranstaltungen sollen Kirche und Verein vorgestellt werden, außerdem werden Spenden zur Finanzierung des Projektes gesammelt. Nach der Umsetzung soll die Kirche als kulturelle Begegnungsstätte genutzt werden. Auch eine kirchliche Nutzung wird angestrebt.

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