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Blumenmädchen und Streuselkuchen

Wir schreiben das Jahr 1953. Die kleine Barbara Schultze, von allen Bärbel gerufen, lebt mit ihren Eltern im Albrechtshaus. Ihr Vater ist der Chefarzt. Sie ist jetzt 6 Jahre alt und mit ihrer Mutti auf dem Weg zur Schneiderin, das neue Kleid anprobieren. Es ist schon die zweite Anprobe und Bärbel ist sehr aufgeregt. Das Kleid wird sie zur Hochzeit tragen. In zwei Wochen heiraten Betty und Heinz. Betty arbeitet als Röntgenassistentin im Albrechtshaus und hat ihren Heinz hier kennengelernt, als er Patient im Albrechtshaus war. Heinz hat nur noch einen Arm und Bärbel hat lange Zeit gedacht, dass er seinen Arm im Krieg verloren hat. Erst viel später, als sie selbst schon erwachsen war, hat sie erfahren, dass er als Kind einen Unfall mit der Eisenbahn hatte. Nun also werden sie in der Kirche heiraten, in der Bärbel getauft wurde. Sie bekommt nicht nur das schicke neue Kleid, sondern darf auch zusammen mit Dorle Blumenmädchen sein. Endlich sind sie bei der Schneiderin. Das Kleidchen ist ganz hübsch geworden, aber irgendetwas fehlt noch. Die Schneiderin hat die Idee, ein paar Rüschen aufzunähen, Bärbel findet das fabelhaft.



Heute ist für Betty und Heinz der große Tag. Bärbel hat schon früh auf der Wiese Blumen gepflückt. Mutti hat sogar welche aus ihrem Garten spendiert. Jetzt ist ihr Körbchen schön voll, hoffentlich reichen sie. Sie darf mit Dorle zusammen in der ersten Reihe sitzen, damit sie beim Auszug des Brautpaares vorneweg gehen können. Jetzt ist aber erst einmal die Zeremonie. Für ein kleines Mädchen nicht besonders interessant. Nachher gibt es eine große Feier. Mutti und die anderen Albrechtshausfrauen haben gestern in der großen Küche Kuchen gebacken, das ganze Haus hat geduftet. Am meisten freut sie sich auf Muttis Streuselkuchen, sie wird bestimmt mindestens 2 riesengroße Stücke davon essen. Ach, die Zeit vergeht ja gar nicht! Sie muss an den letzten Heiligabend hier in der Kirche denken. Da hat sie mit Mutti und Vati auch in der ersten Reihe gesessen – und sie hat sich so geärgert. Sie hatte gehofft, dass sie die Glocke läuten darf, aber dann durfte Gerd am Seil ziehen. So eine Ungerechtigkeit! Er hat sie den ganzen Gottesdienst über so angegrinst, Gemeinheit! Als sie dann nach dem Gottesdienst vor der Kirche waren, hat Bärbel heimlich einen Schneeball gemacht und in Gerds Richtung geworfen. Sie hat ihn sogar getroffen, mitten auf den Po! Vor Schreck ist er rückwärts in den Schnee gefallen und wie ein zappelnder Käfer liegengeblieben. Bärbel musste sich das Lachen verkneifen, schließlich durfte sie sich ja nichts anmerken lassen.


Sie musste kichern, als sie jetzt daran dachte. Mutti sah sie tadelnd von der Seite an. Es war wohl gerade eine Stelle in der Predigt, an der man nicht kicherte. Ach ihre Mutti, als sie ein andermal hier in der Kirche waren, durfte Barbara Muttis goldene Uhr umbinden, damit sie sich nicht so langweilte.

Bärbel hatte ihre Mutti oft dabei beobachtet, wie sie die Uhr stellte oder aufzog. Sie hat ihr auch auf der Uhr gezeigt, wann der Gottesdienst vorbei sein wird. Wenn sie nun einfach ein kleines bisschen an dem kleinen Rädchen dreht, vergeht die Zeit vielleicht schneller. Versuchen kann man es ja. Oh je, jetzt hat sie das Rädchen in der Hand. Am besten, sie steckt den Stift wieder hinein, vielleicht merkt es keiner. Sie hat es immer wieder versucht, aber leider hat es nicht geklappt und sie musste alles beichten und hat sich sehr geschämt. Mutti war ein wenig traurig, die Uhr konnte aber wieder repariert werden.


So, nun kommt ihr Einsatz, sie darf vor dem Brautpaar die Blumen streuen. Bärbel ist so stolz und ist in ihrem Rüschenkleid so hübsch. Beinahe so hübsch wie die Braut, aber nur beinahe.

Draußen wird noch ein Foto mit dem Brautpaar gemacht. Bestimmt bekommt sie auch eins.


Anschließend gehen alle in den großen Aufenthaltsraum. Dort sind die Tische schön gedeckt und der Kuchen ist auch schon da. Die Kinder bekommen einen eigenen Tisch gleich rechts neben der Tür. Als der Kuchen gebracht wird, nimmt Barbara sich das größte Stück Streuselkuchen. Wie köstlich der doch ist! Irgendwie hat man aber vergessen, den Kindern noch einmal Kuchen zu bringen, so dass es bei dem einen Stück geblieben ist. Im Nachhinein musste Bärbel einsehen, dass es für ein kleines Mädchen eigentlich völlig ausreichend war…


1955 ist die Familie von Chefarzt Dr. Schultze weggezogen. Barbara hat das Albrechtshaus nicht vergessen und war noch öfter zu Besuch dort. In den letzten Jahren hat sie auch den Kontakt zu Gerd wiederherstellen können, heute können sie über ihre kleinen Rivalitäten in der Kindheit herzlich lachen. Jetzt engagiert sie sich aktiv, dass die Kirche, in der sie getauft wurde, erhalten bleibt und Streuselkuchen mag sie noch immer.